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Als mich der Backhendlsalat in die Knie zwang

Oder waren es die Lachsnudeln?


Über Lebensmittelvergiftung, körperliche Demut und die Erkenntnis, dass Atemübungen vieles können — aber keine Infusion ersetzen.


Künstlerische Collage-Illustration abstrakten Essensfragmenten, Backhendlsalat und Lachsfisch-Nudeln und einem reduzierten Infusionsständer als humorvolles Bild für Lebensmittelvergiftung, Notaufnahme und Regeneration.

Es gibt spirituelle Erfahrungen, die man bewusst sucht. Eine Breathwork Session. Ein Yoga Retreat. Ein Ayahuasca Ritual. Eine Kakaozeremonie mit Menschen, die „Raum halten“ sagen und dabei sehr gute Schals tragen.


Und dann gibt es spirituelle Erfahrungen, die einen nachts um 2:37 Uhr im Badezimmer ereilen, während man sich fragt, ob dies nun der Moment ist, in dem man die Ahnenlinie trifft.


Schuld war vermutlich der Backhendlsalat.

Oder die Lachsnudeln.


Bis heute weiß ich es nicht. Beide Gerichte verweigern die Aussage. Der Backhendlsalat wirkte im Nachhinein verdächtig selbstzufrieden. Die Lachsnudeln dagegen hatten diese stille Unschuld, die oft nur sehr schuldige Speisen besitzen.

Ich ging jedenfalls abends noch als halbwegs zivilisierte Frau ins Bett und erwachte wenige Stunden später als archaisches Wesen, das mit dem eigenen Verdauungssystem in Friedensverhandlungen stand.

Man denkt ja immer, man kenne seinen Körper. Man arbeitet mit Energie, mit Wahrnehmung, mit Atmung. Man unterrichtet, man begleitet, man erklärt Menschen, wie wichtig es ist, auf innere Signale zu hören. Und dann sendet der Körper plötzlich Signale, die nicht mehr fein, subtil oder energetisch sind, sondern eher klingen wie:

Evakuierung. Sofort. Alle Abteilungen.


Ich versuchte zunächst, ruhig zu bleiben.


Das ist meine professionelle Seite. Sie tritt auch in Krisen gern kurz auf, trägt innerlich ein Leinenhemd und sagt Dinge wie: „Wir atmen da jetzt mal hinein.“

Also atmete ich hinein.


Mein Körper antwortete: „Interessant. Aber nein.“


Ich versuchte es mit Präsenz. Mit Erdung. Mit Licht. Ich stellte mir vor, wie eine warme, goldene Energie durch meinen Körper floss. Mein Magen stellte sich offenbar etwas anderes vor. Wahrscheinlich einen Anwalt.


Es gibt Momente, da merkt man sehr deutlich: Energetik ist wunderbar. Aber sie hat Zuständigkeitsbereiche. Sie hilft beim Spüren, beim Sortieren, beim Regenerieren, beim Wieder-in-die-Mitte-Kommen. Aber wenn der Körper nachts beschlossen hat, ein dramatisches Ein-Personen-Theater über Vergänglichkeit aufzuführen, dann möchte er nicht visualisiert werden.


Dann möchte er medizinische Hilfe.


Ich sage das mit aller Liebe: Wenn der eigene Körper klingt wie ein kaputtes Orchester und man innerlich beginnt, mit Gott über offene Rechnungen zu sprechen, ist es völlig in Ordnung, die Notaufnahme spirituell als nächsten Entwicklungsschritt zu betrachten.

Dort angekommen, war ich nicht mehr die Frau mit innerer Klarheit. Ich war auch nicht die Lehrende, die souverän über Energie spricht. Ich war ein sehr blasses Bündel Menschlichkeit mit Restwürde und dem Wunsch, dass bitte jemand mit einem Blutdruckgerät meine Existenz bestätigt.


In der Notaufnahme haben Menschen eine besondere Art von Ruhe. Eine sehr konkrete Ruhe. Keine Klangschalenruhe. Keine „Ich halte dir den Raum“-Ruhe. Sondern diese Ruhe von Menschen, die schon alles gesehen haben und wahrscheinlich auch deinen Backhendlsalat nicht beeindruckend finden.


Ich bekam Infusions-Shots.


Oder, wie ich sie in meinem Zustand empfand: kleine flüssige Wunder mit medizinischer Zulassung.


Nach kurzer Zeit spürte ich, wie mein Körper langsam wieder aus dem Jenseits auscheckte. Nicht elegant. Nicht sofort. Eher so, als würde er sagen: „Gut. Wir bleiben noch ein bisschen. Aber beschwer dich nie wieder über Müdigkeit.“


Und genau da wurde mir wieder klar, was ich an echter Ganzheitlichkeit so wichtig finde: Es geht nicht darum, Schulmedizin gegen Energetik auszuspielen. Es geht darum, nicht komplett den Verstand zu verlieren, nur weil man an Energie glaubt.


Man darf sehr spirituell sein und trotzdem dankbar für Infusionen.


Man darf Lichtarbeit lieben und gleichzeitig anerkennen, dass Elektrolyte manchmal die überzeugenderen Engel sind.


Man darf atmen, fühlen, beten, visualisieren — und trotzdem ins Spital fahren.


Das eine macht das andere nicht weniger wertvoll. Im Gegenteil. Für mich beginnt echte Körperweisheit genau dort, wo man nicht aus Ideologie handelt, sondern aus Kontakt. Und Kontakt bedeutet manchmal: Ich spüre, dass ich Ruhe brauche. Manchmal: Ich spüre, dass ich weinen muss. Und manchmal: Ich spüre, dass ich jetzt bitte professionelle Hilfe benötige und keine Affirmation über meine innere Kraft.


Die Akutphase war jedenfalls nicht der Moment für große spirituelle Heldinnenerzählungen. Sie war der Moment für Decke, Tropf, blasses Gesicht und stille Verhandlungen mit dem Universum, in denen ich versprach, künftig verdächtig cremige Saucen kritischer zu betrachten.


Und trotzdem: Für mich gibt es keine Zufälle. Solche Zwischenfälle markieren bei mir fast immer einen Übergang. Der Körper macht dann manchmal sehr radikal sichtbar, dass etwas Altes gehen darf. Nicht poetisch. Nicht sanft. Eher mit Blaulicht, Elektrolyten und einem Magen, der beschlossen hat, die Vergangenheit im Schnellverfahren auszuweisen.


Aber danach kam etwas Interessantes.


Als das Schlimmste medizinisch versorgt war, als der Körper wieder halbwegs wusste, in welcher Dimension er sich befand, begann die Regeneration. Und da war sie wieder, die Energetik. Nicht als Ersatz. Nicht als Retterin in der Notaufnahme. Sondern als feine, liebevolle Nachsorge.


Ich legte die Hände auf den Bauch. Nicht, um ihn zu belehren. Sondern um mich zu entschuldigen.


Ich atmete nicht, um etwas wegzumachen. Ich atmete, um wieder da zu sein.

Ich arbeitete mit Licht nicht, weil ich dachte, mein Körper sei ein defektes Möbelstück mit Aura-Anschluss. Sondern weil ich ihn unterstützen wollte, zurückzufinden. In Ruhe. In Vertrauen. In dieses stille Gefühl: Wir sind wieder hier. Wir sind müde, aber hier.

Und erstaunlicherweise ging es dann wirklich schnell. Ratzfatz, wie man so schön sagt, wenn man gerade nicht mehr aussieht wie ein schlecht kopiertes Heiligenbild. Der Körper kam zurück. Die Kraft kam zurück. Sogar der Humor kam zurück, was ich für ein sehr gutes Zeichen halte. Wer wieder Witze über Lachsnudeln machen kann, ist eindeutig auf dem Weg der Heilung.


Vielleicht war das die eigentliche Lektion: Der Körper ist kein spirituelles Projekt. Er ist ein Wesen mit Grenzen, Flüssigkeitsbedarf und gelegentlich sehr klaren Meinungen über Geflügelsalat.


Manchmal will er Licht.

Manchmal will er Stille.

Manchmal will er Schlaf.

Und manchmal will er eine Infusion.


Seitdem betrachte ich meinen Körper mit noch mehr Respekt. Nicht ehrfürchtig im pathetischen Sinn. Eher so, wie man jemanden betrachtet, der nachts um halb drei eine komplette Krise organisiert und am nächsten Morgen trotzdem bereit ist, weiterzumachen.


Ich weiß noch immer nicht, ob es der Backhendlsalat war oder die Lachsnudeln.

Aber ich weiß jetzt: Wenn mich jemals wieder ein Essen energetisch so stark transformiert, möchte ich vorher bitte schriftlich informiert werden.

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