Ein offenes Herz ist keine 24-Stunden-Rezeption
- Madeleine Dumhart

- 11. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
oder "Meine Aura hat heute nur nach Vereinbarung geöffnet"
Über Grenzen, Offline-Sein und die schöne Erkenntnis, dass man nicht mit jedem Menschen sprechen muss, nur weil das Telefon klingelt.

Eine Freundin sagte am Wochenende zu mir: „Du solltest mal über Grenzen schreiben.“
Ich fand das interessant, weil ich mit meinen Grenzen inzwischen eigentlich ziemlich gut bin. Nicht perfekt natürlich. Niemand ist perfekt, der ein Handy besitzt. Aber ich bin gut darin, offline zu sein. Ich hebe gerne mal nicht ab. Ich antworte nicht immer sofort. Und vor meinem ersten Frühstückskaffee spreche ich mit Menschen grundsätzlich nur in sehr ausgewählten diplomatischen Ausnahmefällen.
Manche nennen das unsozial. Ich nenne es Energiemanagement.
Meine Freundin meinte aber nicht mich. Sie meinte dieses allgemeine Thema. Dieses „Ich kann nicht Nein sagen“. Dieses „Ich will niemanden enttäuschen“. Dieses „Ich spüre zwar, dass ich keine Kraft habe, aber ich erkläre jetzt trotzdem 18 Minuten lang, warum ich leider vielleicht eventuell nicht kann“.
Und plötzlich erinnerte ich mich wieder.
Denn früher war ich da anders. Früher war People Pleasing für mich keine Schwäche, sondern fast eine Art Lebenslaufkompetenz. Ich konnte Stimmungen lesen, bevor sie entstanden. Ich konnte enttäuschte Gesichter aus drei Räumen Entfernung energetisch wahrnehmen. Ich konnte ein Nein so weich verpacken, dass es am Ende aussah wie ein Ja in einem sehr traurigen Pullover.
„Nein“ soll ja ein ganzer Satz sein. Das liest man überall. Früher war mein Nein eher ein mehrbändiger Roman. Mit Vorwort, Fußnoten, einem Kapitel über meine Kindheit und einer Entschuldigung im Nachspann.
Heute sehe ich das anders. Heute weiß ich: Grenzen sind nicht hart. Grenzen sind auch kein Zeichen dafür, dass man spirituell weniger entwickelt ist. Im Gegenteil. Ich finde, eine gut gesetzte Grenze ist manchmal die erwachsenste Form von Liebe. Sie sagt nicht: „Du bist mir egal.“ Sie sagt: „Ich nehme uns beide ernst genug, um mich nicht zu verbiegen und dir danach innerlich die Rechnung zu schicken.“
Das klingt sehr klar. Und das ist es auch.
Aber es war nicht immer so.
Ich glaube, viele Menschen haben früh gelernt, dass sie sicherer sind, wenn sie angenehm bleiben. Nicht zu laut. Nicht zu kompliziert. Nicht zu bedürftig. Nicht zu direkt. Ein bisschen verfügbar, ein bisschen verständnisvoll, ein bisschen dauerbereit. So wird aus einem offenen Herzen irgendwann eine 24-Stunden-Rezeption.
Und irgendwann steht man da, lächelt freundlich, nimmt fremde Koffer entgegen und merkt gar nicht, dass man selbst seit Jahren keinen Feierabend hatte.
Ein Herz ist aber kein Hotel.
Und selbst wenn es eines wäre, hätte es irgendwann Renovierungsbedarf, eingeschränkte Öffnungszeiten und vermutlich ein Schild an der Tür:
Bitte nicht vor dem ersten Kaffee emotional einchecken.
Was mich an dem Thema berührt: Die meisten Menschen, die Schwierigkeiten mit Grenzen haben, sind nicht schwach. Sie sind oft sehr feinfühlig. Sie spüren sofort, wenn jemand traurig, gekränkt oder angespannt ist. Sie hören die kleine Veränderung in der Stimme. Sie sehen den Blick. Sie fühlen das Unausgesprochene. Und dann beginnt dieser alte Reflex: ausgleichen, erklären, retten, beruhigen.
Als wären sie nicht Menschen, sondern mobile Luftreiniger für emotionale Spannung.
Ich verstehe das. Ich unterrichte Energetik, Selbstwahrnehmung und innere Klarheit nicht, weil ich glaube, dass Menschen sich einfach nur „besser abgrenzen“ müssen und dann ist alles erledigt. So einfach ist es selten. Grenzen sind nicht nur ein Verhalten. Sie sind oft eine kleine Revolution im eigenen Nervensystem.
Für jemanden, der lange gelernt hat, Harmonie herzustellen, fühlt sich ein Nein nicht sofort frei an. Es fühlt sich erst einmal falsch an. Unhöflich. Egoistisch. Man schreibt „Heute geht es leider nicht“ und der Körper reagiert, als hätte man eine internationale Krise ausgelöst.
Vier Wörter. Und innerlich tritt ein Krisenstab zusammen.
Früher hätte ich nach diesen vier Wörtern sofort noch drei Erklärungen geschickt. „Es liegt nicht an dir.“ „Ich bin nur gerade müde.“ „Nächste Woche bestimmt.“ „Bitte speichere mich weiterhin als guten Menschen ab.“
Heute lasse ich solche Nachrichten öfter stehen. Nicht kalt. Nicht trotzig. Einfach klar.
Das musste ich lernen. Und ich glaube, genau darin liegt die Tiefe des Themas: Wir setzen Grenzen nicht nur gegenüber anderen. Wir setzen sie auch gegenüber der alten Version von uns, die dachte, Liebe müsse man sich durch Verfügbarkeit verdienen.
Diese alte Version verdient keinen Spott. Sie hat getan, was sie konnte. Sie wollte dazugehören. Sie wollte Frieden. Sie wollte niemandem wehtun. Sie wollte sicher sein.
Aber irgendwann darf man ihr sagen: Danke. Du hast mich lange beschützt. Aber wir müssen nicht mehr jedes schlechte Gefühl im Außen sofort reparieren.
Ich finde, das ist echte Energiearbeit. Nicht jedem Menschen Licht schicken, bis man selbst durchsichtig wird. Nicht jede Spannung im Raum sofort harmonisieren. Nicht bei jedem Anruf aufspringen, als hätte das Universum persönlich um Rückruf gebeten.
Sondern spüren: Wo bin ich? Was brauche ich? Was ist meins? Was gehört zu dir? Und warum steht da eigentlich jemand mit einem Koffer in meinem Solarplexus?
Heute bin ich gerne offline. Ich mag es, nicht immer erreichbar zu sein. Ich mag es, wenn mein Handy irgendwo liegt und nicht wie ein kleines emotionales Orakel mein Nervensystem regiert. Ich mag stille Morgen. Ich mag Kaffee, bevor Gespräche beginnen. Ich mag Menschen sehr — aber nicht alle gleichzeitig und nicht immer sofort.
Das ist vielleicht meine liebste Grenze geworden: Ich muss nicht verfügbar sein, um verbunden zu bleiben.
Denn Nähe entsteht nicht dadurch, dass man jede Nachricht sofort beantwortet. Nähe entsteht auch dadurch, dass man ehrlich da ist, wenn man wirklich da ist. Nicht halb. Nicht erschöpft. Nicht mit einem inneren Auge auf die Uhr und dem anderen auf dem eigenen Energieabfall.
Natürlich geht es nicht darum, hart zu werden. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alle nur noch „meine Kapazität ist erschöpft“ sagen und niemand mehr fragt, wie es dem anderen geht. Mitgefühl ist wichtig. Da-Sein ist wichtig. Freundschaft ist wichtig.
Aber Da-Sein heißt nicht: sich selbst verlassen.
Vielleicht ist genau das die reife Version von Grenzen: weich bleiben, ohne sich zu verlieren. Offen bleiben, ohne ständig geöffnet zu haben. Liebevoll sein, ohne automatisch den inneren Notdienst zu aktivieren.
Als meine Freundin mir das Thema nahelegte, dachte ich erst: Grenzen? Da bin ich doch inzwischen recht gut. Dann dachte ich: Gerade deshalb kann ich darüber schreiben.
Weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Nein noch ein Weltuntergang ist. Und weil ich weiß, wie schön es ist, wenn ein Nein irgendwann einfach nur ein Nein ist.
Ohne Donner. Ohne Drama. Ohne spirituelle Aberkennung.
Nur ein kleiner Satz. Eine klare Tür. Ein ruhiges Herz.
Und irgendwo hängt meine Aura ein Schild auf:
Heute nur nach Vereinbarung geöffnet.
In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte liebevoll an Ihre eigene Mitte. Ich bin nach dem Frühstückskaffee wieder erreichbar. Vielleicht.




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