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Der innere Frühling und andere Baustellen

Aktualisiert: vor 3 Stunden


Über Neuanfänge, seelische Renovierungsarbeiten und die Erkenntnis, dass Wachstum manchmal aussieht wie Chaos mit Hoffnungsschimmer.


Künstlerische Collage-Illustration mit Frühlingsblumen, bunten Farben, abstrakter inneren Baustelle mit Rissen, Gerüstformen, Markerlinien und kräftigen Farben als Symbol für Neubeginn und inneres Wachstum.

Jedes Jahr, sobald es draußen heller wird, bekomme ich kurz das Gefühl, mein Leben müsse jetzt ebenfalls heller werden. Die Sonne scheint drei Minuten länger, irgendwo blüht etwas Mutiges zwischen zwei Gehwegplatten, und sofort denke ich: Jetzt. Jetzt werde ich ein neuer Mensch.


Ein Mensch mit frischer Energie. Mit klaren Gedanken. Mit leichten Kleidern, leichten Mahlzeiten und einem leichten Wesen. Einer dieser Menschen, die morgens das Fenster öffnen und nicht zuerst prüfen, ob sie noch dieselbe Persönlichkeit haben wie gestern.

Der Frühling ist ja sehr überzeugend. Er kommt nicht herein wie der Winter, dieser alte dramatische Verwandte, der alles dunkel macht und dann behauptet, man solle sich eben eine Decke nehmen. Der Frühling kommt freundlich. Er sagt: „Schau, alles ist möglich.“ Und dann zeigt er auf eine Narzisse, als hätte sie gerade ihr erstes Coaching-Business gegründet.


Ich mag den Frühling. Sehr sogar. Ich mag dieses Versprechen von Neubeginn. Dieses Licht. Diese Wärme. Dieses Gefühl, dass vielleicht nicht alles feststeckt. Dass etwas in Bewegung kommen darf. Dass man alte Schwere abstreifen kann wie einen Mantel, in dessen Taschen noch Taschentücher, Bonbons und drei ungelöste Lebensfragen liegen.

Aber der innere Frühling ist komplizierter als der äußere.


Draußen reicht es manchmal, wenn die Sonne scheint. Innen muss man erst einmal eine Inventur machen. Und das ist selten elegant. Da öffnet man nichtsahnend eine seelische Schublade und findet darin nicht „neue Leichtigkeit“, sondern alte Muster, halb verarbeitete Gespräche, ein paar beleidigte Erwartungen und eine Version von sich selbst, die immer noch glaubt, sie müsse alles alleine schaffen.


Innere Erneuerung klingt so schön. In Wahrheit sieht sie oft aus wie eine Baustelle.

Es gibt Absperrband. Staub. Verzögerungen. Unerwartete Zusatzkosten. Und irgendwo steht ein innerer Handwerker und sagt: „Das hätten wir früher sehen müssen.“

Man nimmt sich vor, aufzublühen, und merkt dann, dass man vorher noch den Keller ausmisten muss. Nicht den echten Keller, der wäre ja fast angenehm. Ich meine diesen inneren Keller, in dem alte Glaubenssätze in beschrifteten Kartons stehen: „Dafür bist du nicht gut genug“, „Das schaffst du eh nicht“, „Bitte nicht zu viel Raum einnehmen“ und der Klassiker: „Erst wenn alles perfekt ist, darfst du anfangen.“


Ich unterrichte und begleite Menschen ja oft genau an solchen Schwellen. Wenn etwas Neues kommen will, aber das Alte noch die Türklinke festhält. Und ich finde es immer wieder berührend, wie tapfer Menschen sind, wenn sie beginnen, sich selbst nicht mehr auszuweichen.


Das sieht von außen nicht immer spektakulär aus. Niemand klatscht, wenn man zum ersten Mal ehrlich zugibt, dass man müde ist. Es gibt keine Parade, wenn man einen alten Satz im Kopf nicht mehr glaubt. Keine Blaskapelle, wenn man merkt: Ich darf wachsen, auch wenn ich noch nicht weiß, wohin.


Dabei wären Blaskapellen manchmal hilfreich.


Stattdessen sitzt man auf dem Sofa, schaut aus dem Fenster und spürt eine kleine, leise Wahrheit. Nichts Großes. Kein göttlicher Blitz. Eher so ein inneres: „Vielleicht möchte ich anders weitermachen.“


Und genau da beginnt es.


Nicht mit perfekter Klarheit. Nicht mit einem Fünf-Jahres-Plan. Nicht mit einer neuen Identität in Leinenhose. Sondern mit diesem winzigen Moment, in dem man merkt: Etwas in mir will wieder lebendig sein.


Natürlich meldet sich dann sofort der innere Bauleiter. Er trägt vermutlich eine Warnweste und hat sehr viele Einwände. „Das geht nicht so einfach.“ „Dafür haben wir keine Genehmigung.“ „Was sollen die Leute denken?“ „Und wer räumt danach auf?“

Ich kenne diesen Bauleiter. Meiner ist sehr pflichtbewusst. Er hat Ordner. Er hat Tabellen. Er hat Angst vor Veränderung und nennt sie „realistische Einschätzung“.


Aber Wachstum fragt selten nach Genehmigung. Es beginnt einfach. Manchmal als Unruhe. Manchmal als Sehnsucht. Manchmal als schlechte Laune, die eigentlich nur eine unterdrückte Entscheidung ist. Manchmal als plötzlicher Wunsch, die Wohnung umzustellen, die Haare abzuschneiden oder Menschen nicht mehr alles zu erklären.

Der innere Frühling ist nicht immer sanft. Manchmal ist er frech. Er schiebt etwas durch den Beton, obwohl man dachte, da wächst nichts mehr.


Und vielleicht ist genau das das Schöne: Frühling bedeutet nicht, dass alles fertig ist. Frühling bedeutet, dass etwas anfängt. Auch wenn daneben noch Geröll liegt. Auch wenn der Boden matschig ist. Auch wenn man selbst eher aussieht wie ein renovierungsbedürftiges Reihenhaus mit gutem Potenzial.


Wir verwechseln Aufbruch oft mit Leichtigkeit. Dabei ist Aufbruch manchmal schwer. Weil er ehrlich ist. Weil er zeigt, was nicht mehr passt. Weil er einen zwingt, die alten Wintergeschichten nicht noch ein Jahr mitzuschleppen.


Aber dann gibt es diese kleinen Momente. Ein klarerer Atemzug. Ein ehrlicher Satz. Ein Nein, das nicht mehr weh tut. Ein Ja, das aus dem Bauch kommt. Ein Morgen, an dem man nicht sofort gegen sich selbst antritt.


Und plötzlich ist da etwas.

Noch keine Blüte vielleicht. Aber ein Riss im Asphalt.

Für den Anfang reicht das.

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