Meine Aura ist nicht toxisch, sie ist nur unterkoffeiniert
- Madeleine Dumhart

- 13. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Über Morgenroutinen, moderne Selfcare und die beruhigende Erkenntnis, dass nicht jede innere Unruhe gleich ein spirituelles Thema ist.

Neulich las ich, man solle morgens zuerst bei sich selbst ankommen. Ich fand das sympathisch, denn ich komme morgens ohnehin nirgends sonst an. Nicht im Körper, nicht im Geist, manchmal nicht einmal in der Küche, obwohl ich dort stehe.
Die moderne Selfcare empfiehlt für diesen Zustand eine Morgenroutine. Wasser trinken, meditieren, dehnen, journaln, atmen, visualisieren, kalt duschen, dankbar sein. Früher nannte man das „aufstehen“. Heute ist es ein transformativer Prozess mit sieben Modulen und Affiliate-Link.
Ich will das gar nicht schlechtreden. Ich unterrichte schließlich selbst Dinge, die Menschen helfen sollen, wieder mehr bei sich anzukommen. Ich glaube an Energie. Ich glaube an bewusste Rituale. Ich glaube daran, dass der Körper oft früher Bescheid weiß als der Kopf. Ich glaube nur nicht, dass mein Körper morgens um 6:47 Uhr schon bereit ist, ein Portal zu öffnen.
Manchmal möchte mein Körper einfach Kaffee.
Das ist natürlich nicht besonders mystisch. Niemand schreibt auf Instagram: „Heute habe ich tief in mich hineingespürt und erkannt: Ich brauche Koffein und weniger Nachrichten vor acht.“ Dabei wäre das wahrscheinlich für viele von uns die ehrlichste Form von Selbsterkenntnis.
Ich habe selbst schon geräuchert, geatmet, geklopft, geschüttelt und einmal sehr ernsthaft mit einer Zimmerpflanze über Grenzen gesprochen. Die Pflanze war danach unverändert, ich auch, aber immerhin roch das Wohnzimmer nach Salbei und leichter Verzweiflung.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Wir suchen alle nach etwas, das uns wieder mit uns verbindet. Nur leider begegnen wir auf dem Weg dorthin oft zuerst einem Warenkorb. Die innere Mitte kostet 89 Euro, kommt in Pastell und ist bei falscher Anwendung vom Umtausch ausgeschlossen.
Dabei ist Selfcare eigentlich etwas sehr Schlichtes. Sie beginnt nicht unbedingt mit einem perfekten Ritual. Manchmal beginnt sie damit, nicht sofort ans Handy zu gehen. Oder damit, eine Verabredung abzusagen, ohne eine dreiteilige Begründung über das eigene Nervensystem zu liefern. Manchmal ist Selfcare auch nur: essen, bevor man die ganze Menschheit innerlich kündigt.
Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig über Achtsamkeit wissen. Das Problem ist, dass sogar Achtsamkeit inzwischen nach Leistung klingen kann. Hast du meditiert? Hast du geatmet? Hast du dein Wasser energetisiert? Hast du deine Gefühle gefühlt, aber bitte konstruktiv?
Es gibt Tage, da möchte man seinen Gefühlen zurufen: „Nicht jetzt. Ich habe nur noch zehn Minuten, bis ich los muss.“
Und trotzdem berührt mich diese ganze Suche. Weil hinter all den Routinen, Apps, Kursen, Ölen, Methoden und guten Vorsätzen meistens etwas sehr Echtes liegt: der Wunsch, nicht mehr so erschöpft zu sein. Der Wunsch, sich selbst nicht ständig zu verlieren. Der Wunsch, morgens aufzuwachen und nicht sofort das Gefühl zu haben, man müsse sich erst einmal selbst reparieren.
Vielleicht sind wir gar nicht so falsch, wie wir manchmal denken. Vielleicht sind wir nur überreizt. Überinformiert. Überverfügbar. Unterausgeruht. Unterkoffeiniert. Und gelegentlich unter einem sehr schlechten Einfluss namens Montag.
Am Ende setzte ich mich also hin, schloss die Augen und atmete. Ohne App. Ohne Gong. Ohne Zertifikat. Nach drei Minuten war ich nicht erleuchtet, aber etwas weniger beleidigt vom Tag. Das ist vielleicht keine Transformation. Aber für einen Dienstag reicht es.
Danach machte ich mir Kaffee.
Nicht, weil ich meine Energie verdrängen wollte. Sondern weil auch eine Aura manchmal erst nach dem zweiten Schluck wieder gesellschaftsfähig ist.




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